Osten hinkt dem Westen bei Tarifstandards noch hinterher

Berlin (ddp-nrd). Auch 20 Jahre nach der deutschen Einheit gibt es nach Ansicht der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung deutliche Unterschiede bei der flächendeckenden Einheit von tariflichen Arbeits- und Einkommensbedingungen zwischen Ost und West. Nach einem kräftigen Aufholprozess zu Beginn der 1990er Jahre sei es zu einer Stagnation gekommen, sagte der Tarifexperte der Stiftung, Reinhard Bispinck, am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des aktuellen Tarif-Handbuchs. Gründe seien unter anderem die geringere Tarifbindung sowie die im Vergleich zum Westen fehlende gewachsene Tarifkultur. Zudem sei auch der wirtschaftliche Aufholprozess ins Stocken geraten, sagte er. Die Tarifpolitik habe sich nicht von der «zähen wirtschaftlichen Entwicklung abkoppeln können».

Den Angaben zufolge unterliegt derzeit nur etwa jeder vierte Betrieb im Osten der Tarifbindung, das seien etwa 50 Prozent der Beschäftigten. In den alten Bundesländern seien etwa 40 Prozent der Firmen und zwei Drittel der Beschäftigten tarifgebunden. Während sich die durchschnittliche Wochenarbeitszeit 2009 in Ostdeutschland auf 38,8 Stunden belaufen habe, betrage sie im Westen 37,4 Stunden. Unterschiede gebe es zudem beim Urlaubsanspruch und bei Sonderzahlungen.

Mit einer raschen Angleichung der noch bestehenden Unterschiede rechnet Bispinck indes nicht. Dazu sei eine «Revitalisierung des Tarifsystems» erforderlich. Dies sei Aufgabe von Politik und Gewerkschaften gleichermaßen, sagte er. Beispielsweise würde ein gesetzlicher Mindestlohn das Einkommensniveau stabilisieren und den Lohnverfall stoppen. Zudem müsste die Tarifbindung erweitert werden.

Für das laufende Jahr rechnet Bispinck insgesamt mit einem geringeren Anstieg der tariflichen Grundvergütung als 2009. Damals habe der Zuwachs bei durchschnittlich 2,6 Prozent gelegen. Bei einer Preissteigerungsrate von rund einem Prozent im Jahresschnitt könne es aber dennoch zu einem Reallohnzuwachs kommen.

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Dienstag, 22. Mai 2012

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